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Texte



MYSTIK UND WELTVERANTWORTUNG AM BEISPIEL DAG HAMMARSKJÖLDS (1905–1961)

Dag Hammarskjöld gehört zu den bedeutendsten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. 1953 bis zu seinem Tod 1961 war der gebürtige Schwede Generalsekretär der UNO, damit der ranghöchste Beamte der Welt. Dass er auch ein beeindruckender Christusmystiker war, blieb zu seinen Lebzeiten verborgen. Auch keiner seiner engeren Freunde scheint etwas von seinem mystischen Leben geahnt zu haben. Zwar hat er sich in seiner Zeit als Generalsekretär der UNO in Zeitschrifteninterviews gelegentlich zu religiösen Fragen geäußert. Doch fanden diese Aussagen kaum Beachtung. Erst sein posthum veröffentlichtes geistliches Tagebuch "Zeichen am Weg" legte vor der Weltöffentlichkeit Zeugnis von seinen mystischen Erfahrungen ab.
Es verwundert nicht, dass die wichtigste Literatur zu Hammarskjölds theologischen überzeugungen zunächst in Schweden und den USA, den Ländern, in denen er nacheinander gelebt hat, erschienen ist. Grundlegend zum Verständnis von Hammarskjölds Christusmystik ist immer noch das Buch: Dag Hammarskjöld. The Statesman and his Faith von Henry P. van Dusen, New York u. a. 1967, worin erstmals versucht wird, die Tagebucheinträge in Beziehung zu Ereignissen im Leben Hammarskjölds zu setzen. Um die Herausarbeitung dieser Verbindungslinien bemüht sich ebenso Manuel Fröhlich: Dag Hammarskjöld und die Vereinten Nationen. Die politische Ethik des UNO-Generalsekretärs, Paderborn u. a. 2002. Entscheidend zum Verständnis von Hammarskjölds spirituellem Weg und seinen theologischen überzeugungen ist Sven Stolpe: Dag Hammarskjölds geistiger Weg, Frankfurt a. M. 1965. Stolpe ist schwedischer Katholik und war langjähriger Freund von Hammarskjöld seit Studienzeiten.

 

1. Vorgeschichte: Geistige Prägungen

Lutherisches Berufsethos
Dag Hammarskjöld war geprägt von einem bestimmten Ethos, dem er sich – wie sein Vater und seine drei Brüder – bedingungslos verpflichtet fühlte. Es wurzelte in der lutherischen Berufsethik, die das öffentliche Leben Schwedens spätestens seit Gustav Adolf prägte. Hohe Staatsämter wurden als Dienstämter verstanden: Der Dienst für Gott, der "Beruf", konkretisierte sich nach lutherischer überzeugung im Wirken zum Wohle des Nächsten, d.h. der Gesellschaft, und war gepaart mit Unbestechlichkeit, d. h. Treue zur Stimme des eigenen Gewissens. Dieses Berufsethos blieb in Schweden auch dann noch in Kraft, als seine geistliche Grundlage längst aufgegeben bzw. in Vergessenheit geraten war.
Dass eine solche Berufsgesinnung seinen Preis kostete, hat Dag Hammarskjöld bereits früh am eigenen Leibe erfahren: Der Vater war als Premierminister während des Ersten Weltkriegs aufgrund verschiedener unpopulärer Maßnahmen (z.B. der Rationierung von Lebensmitteln) so verhasst, dass der Knabe Dag deswegen von Seiten der Klassenkameraden zu leiden hatte. In seinem Tagebuch hält er viele Jahrzehnte später fest: "Ohrfeigen lehrten den Knaben, dass seines Vaters Name ihnen verhasst war" (97– die folgenden Seitenzahlen beziehen sich jeweils auf die 1965 in München auf Deutsch erschienene Ausgabe von "Zeichen am Weg"). Aber nicht nur Verachtung von Seiten der Mitschüler fiel aufgrund seines Vaters auf ihn. Die große politische Verantwortung, die der Vater trug, scheint diesen zu einem verschlossenen Menschen gemacht zu haben. Der erwachsene Dag meinte, dass er seinen Vater nicht besonders gut gekannt habe. In einem Gespräch gab er als Grund für das eigene Ledigsein an, dass er keiner Frau die Entbehrungen zumuten wollte, die seine Mutter aufgrund der ämter des Vaters zu tragen hatte. Tatsächlich scheint die lebenslange Einsamkeit Dag Hammarskjölds durch die emotionale Zurückgezogenheit des Vaters mit bedingt gewesen zu sein. Das Ethos strenger Pflichterfüllung ließ sowohl beim Vater als auch bei ihm für menschliche Zugewandtheit und ein frohes Familienleben keine Kräfte übrig. Hammarskjöld sagte 1953 in einem Radio-Interview mit der überschrift "This I believe": "Von meinen Vorfahren väterlicherseits, den Soldaten und Beamten, erbte ich den Glauben, dass kein Leben befriedigender sei als das des selbstlosen Dienstes für Vaterland und Menschheit. Dieser Dienst erfordert das Opfer aller persönlichen Interessen, aber zugleich den Mut, unbeugsam für seine überzeugung einzutreten."

 

Inspiration durch die Lektüre mittelalterlicher Mystiker
Hammarskjölds lutherisch geprägtes Berufsethos wurde durch die kontinuierliche Lektüre vor allem von drei Vertretern der christlichen Mystik vertieft. Besonders bei Meister Eckhart, Johannes vom Kreuz und in der Thomas von Kempen zugeschriebenen "Nachfolge" scheint er die Verbindung von persönlichem Glauben und gesellschaftlichem Engagement in einer für ihn vorbildhaften Weise gefunden zu haben. "Die Erklärung aber, wie ein Mensch ein Leben aktiven gesellschaftlichen Dienens in vollkommener übereinstimmung mit sich selbst als Mitglied der Gemeinschaft des Geistes leben soll, habe ich in den Schriften der großen mittelalterlichen Mystiker gefunden ... Sie fanden in der Einsamkeit des Geistes und der Innenorientierung die Kraft, Ja zu sagen, wo immer sie sich den Forderungen ihrer bedürftigen Mitmenschen gegenübergestellt sahen." Hammarskjöld betrieb das Studium mystischer Schriftsteller bereits seit seiner Jugendzeit. Als erster muss in diesem Zusammenhang Meister Eckhart genannt werden, aus dessen Schriften er in seinem geistlichen Tagebuch immer wieder ganze Passagen zitiert. Hammarskjöld scheint besonders die ethische Ausrichtung von dessen Mystik angesprochen zu haben. Bei Eckhart bedeutet Stille und Abgeschiedenheit keineswegs Weltflucht, sondern Distanz zu den egoistischen Bestrebungen und der ziellosen Hektik eines Vielerlei an Aktivitäten.
Der zweite, von Hammarskjöld häufig zitierte Mystiker ist Johannes vom Kreuz. ""Glauben – nicht zaudern", aber auch: nicht zweifeln. "Glaube ist Gottes Vereinigung mit der Seele" – ja, aber darin auch die Gewissheit von Gottes Allmacht durch die Seele: für Gott ist alles möglich, denn Glaube kann Berge versetzen" (73). Der Tagebucheintrag zeigt besonders deutlich, warum für Hammarskjöld die Erfahrung der Unio mystica Voraussetzung seines Engagements in der Welt ist: Durch die Vereinigung der Seele mit Gott partizipiert das menschliche Handeln an Gottes Kraft.
Der dritte, von Hammarskjöld regelmäßig gelesene mittelalterliche Mystiker ist Thomas von Kempen, d.h. das diesem zugeschriebene Werk "Nachfolge Christi". Im Vordergrund der "Imitatio Christi" steht der Gedanke, dass das christliche Leben gleichsam ein zweites Leben Jesu werde. Christliches Handeln ist ein Handeln, das dem Vorbild Jesu entspricht. Hammarskjöld zitiert programmatisch am Tag vor seiner Abreise zum Amtsantritt in New York als Generalsekretär der UNO im Tagebuch aus der "Nachfolge Christi": "Ihr Leben ist gegründet und getragen von Gott, und fern liegt ihnen jeglicher Stolz; sie vergelten Ihm, was Er ihnen Gutes getan; sie rühmen sich nicht, und all ihr Tun geschieht zum Ruhm Gottes allein" (45, im Original auf Französisch).

 

Albert Schweitzers Ethik der Liebe
In den Sommerferien 1948 setzte Hammarskjöld sich intensiv mit der deutschen Originalausgabe von dessen Buch "Geschichte der Leben-Jesu-Forschung" auseinander. Hammarskjöld hat sich öffentlich dazu bekannt, von Schweitzer entscheidend in seinem Glauben beeinflusst worden zu sein, und zwar in doppelter Weise: "Dort [in der Ethik Albert Schweitzers] stützt und trägt das Ideal des Dienens, den Evangelien entsprechend, die Grundeinstellung zu den Menschen. In seinem Werk habe ich auch einen Schlüssel für den modernen Menschen zur Welt des Evangeliums gefunden." Einerseits entnimmt Hammarskjöld aus Schweitzers Ethik der Liebe die Auffassung des Lebens als Dienst am Mitmenschen; andererseits bietet dessen "Leben-Jesu-Forschung" dem modernen Menschen den hermeneutischen Schlüssel zu Jesus Christus. Karlmann Beyschlag kommt deshalb zu der überzeugung: "Es ist, soweit ich sehe, das bisher einzige Mal, dass die Christusvorstellung eines kritischen Leben-Jesu-Forschers (dessen Leben freilich selbst erstaunliche Züge aufweist) derart unmittelbar übernommen worden ist." Die Reflexionen über Christus in "Zeichen am Weg" lassen erkennen, dass Hammarskjöld wie Schweitzer davon ausgeht, dass Jesus der messianisch-eschatologische Mensch ist, der durch den freiwillig gewählten Entschluss zum Selbstopfer das Kommen des Reiches Gottes bewirken will.

 

2. Der Christusmystiker: Spirituelle Wende zwischen 1952 und 1953

In den "Zeichen am Weg" lässt sich deutlich eine innere Wende im Leben Hammarskjölds zwischen 1952/53 erkennen, die er als Widerfahrnis von außen erlebt. Der erste Eintrag des Jahres 1953 im Tagebuch lautet: " "– bald naht die Nacht." Dem Vergangenen: Dank, dem Kommenden: Ja!" (53). Das Zitat "– bald naht die Nacht" stammt aus einem schwedischen Kirchenlied, das bei Hammarskjöld häufig die Tagebucheinträge eines neuen Jahres eröffnet. Entscheidend sind jedoch die beiden folgenden Zeilen. Sie lassen einen völligen Stimmungsumschwung gegenüber den bisherigen Einträgen erkennen. Im Jahr 1952 heißt es noch: "Sinnlos, was ich fordere: dass das Leben Sinn haben soll. Unmöglich, wofür ich kämpfe: dass mein Leben Sinn erhalten soll. Ich getraue mich nicht, weiß nicht, wie ich glauben könnte: dass ich nicht einsam bin" (52). 1953 ist diese resignative Stimmung vollkommen überwunden. Stattdessen herrschen Dankbarkeit gegenüber der Vergangenheit und Bejahung, ja Vorfreude auf die Zukunft. Man fragt sich unwillkürlich, was passiert ist, dass es zu dieser gänzlich veränderten Gemütslage kommen konnte. Dass es ein äußeres Ereignis gewesen ist, fällt als Erklärung aus, weil Hammarskjöld erst im April 1953 – für ihn selbst und andere überraschend – zum Generalsekretär der UNO berufen wurde. Die weiteren Einträge von 1953 zeigen, dass der Grund der neuen Einstellung zum Leben eine Gottesbegegnung war. Hammarskjöld erfährt sich plötzlich als ein in seiner ganzen Existenz von Gott Erfasster. "Nicht ich, sondern Gott in mir" (53). "Ich bin das Gefäß. Gottes ist das Getränk. Und Gott der Dürstende" (54). Er beschreibt seine Gottesbegegnung hier in Kategorien, die an mystische Erfahrungen erinnern und gleichzeitig ihr Vorbild in biblischen Texten haben. Beide Male stehen Aussagen aus den Paulusbriefen im Hintergrund: "Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir" (Gal 2,20). "Ja, lieber Mensch, wer bist du denn, dass du mit Gott rechten willst? ... Hat nicht ein Töpfer Macht über den Ton, aus demselben Klumpen ein Gefäß zu ehrenvollem und ein anderes zu nicht ehrenvollem Gebrauch zu machen?" (Röm 9,20f). Wenn wir nach dem inhaltlichen Zentrum der mystischen Gotteserfahrung Hammarskjölds fragen, empfiehlt es sich, einen Text zu betrachten, der von Pfingsten 1961 stammt. Zunächst resümiert Hammarskjöld, was ihm 1952/53 widerfahren ist: "Ich weiß nicht, wer – oder was – die Frage stellte. Ich weiß nicht, wann sie gestellt wurde. Ich weiß nicht, ob ich antwortete. Aber einmal antwortete ich ja zu jemandem – oder zu etwas. Von dieser Stunde her rührt die Gewissheit, dass das Dasein sinnvoll ist und dass darum mein Leben, in Unterwerfung, ein Ziel hat" (107f). Hammarskjölds überlegungen oszillieren zwischen einer sächlichen und einer personalen Ursache seines Berufungserlebnisses. Es drängt sich der Eindruck auf, dass er dadurch, dass er seine Aussage in der Unbestimmtheit verbleiben lässt, die Unfassbarkeit und Unbegreiflichkeit des göttlichen Gegenübers wahren möchte.

 

3. Die Kosten der Nachfolge: Mystik und Weltverantwortung

1952 – unmittelbar vor der geistlichen Wende im Leben Hammarskjölds – heißt es im Tagebuch: "Mitten im Gelärm das innere Schweigen bewahren. Offen, still, feuchter Humus im fruchtbaren Dunkel bleiben, wo Regen fällt und Saat wächst – stapfen auch noch so viele im trockenen Tageslicht über die Erde in wirbelndem Staub" (50). Hammarskjöld stellt zwei Lebensweisen einander gegenüber: einmal das Leben eines Menschen, der aus der Stille heraus für andere fruchtbar sein will, zum anderen das Leben desjenigen, der Erfolg haben möchte. Es ist klar, worin das Lebensideal Hammarskjölds besteht. Er möchte aus dem "inneren Schweigen" heraus fruchtbar werden, für andere Menschen da sein. Hinter diesen überlegungen stehen biblische Vorstellungen. In Joh 12,24 sagt Jesus: "Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht." Für Hammarskjöld ist die Stille Voraussetzung dafür, um die leise Stimme Gottes vernehmen zu können. Sonst wird sie vom Lärm des Tages zugedeckt. Ohne die Pflege der Stille ist es unmöglich, in Beziehung zu Gott zu leben. Aber die Stille ist auch die Quelle, aus der die Qualität eines Lebens in der öffentlichkeit, im Für-andere-Dasein, fließt. Durch die mystische Gottesbegegnung 1952/53 kommt es im Leben Hammarskjölds zu einer bisher nicht gekannten Berufungsgewissheit: "So kam er denn wirklich – der Tag, da die Sorge klein ward. Weil das Schwere, das mich traf, bedeutungslos war im Licht der Forderung, die Gott an mich stellte. Aber wie schwer, zu fühlen, dass dies auch – und eben deshalb – der Tag war, da die Freude groß wurde" (53). Mit der Erfahrung, ein Berufener zu sein, geht für Hammarskjöld eine befreiende Selbstbejahung in seinem Amt als Generalsekretär der UNO einher: Alle Selbstzweifel und Selbstvorwürfe werden in der Begegnung mit Gott wesenlos. "Ja sagen zum Leben heißt auch ja sagen zu sich selbst. Ja – auch zu der Eigenschaft, die sich am widerwilligsten umwandeln lässt von Versuchung zu Kraft" (54). Man kann sich vorstellen, dass diese neu gewonnene Selbstbejahung eine entscheidende Voraussetzung für Hammarskjöld als UNO-Generalsekretär war, einmal als richtig erkannte Positionen auch dann zu vertreten, wenn sie heftig bekämpft wurden. Die Begegnung mit Gott hat Hammarskjöld in die Nachfolge des irdischen Jesus hineinkatapultiert: "Seit dieser Stunde habe ich gewusst, was das heißt, "nicht hinter sich zu schauen", "nicht für den anderen Tag zu sorgen". Geleitet durch das Lebenslabyrinth vom Ariadnefaden der Antwort, erreichte ich eine Zeit und einen Ort, wo ich wusste, dass der Weg zu einem Triumph führt, der Untergang, und zu einem Untergang, der Triumph ist; dass der Preis für den Lebenseinsatz Schmähung und dass tiefste Erniedrigung die Erhöhung bedeutet, die dem Menschen möglich ist." (108). Hammarskjöld interpretiert hier seine Nachfolge Jesu mit ethischen Kategorien, die aus den Reden Jesu in den Evangelien, z.T. aus der Bergpredigt, stammen: "Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes" (Lukas 9,62). "Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen" (Matthäus 6,34). Im Verlauf seines weiteren Lebens scheint für Hammarskjöld die Person Jesu immer wichtiger geworden zu sein. Er fährt fort: "Auf dem weiteren Weg lernte ich, Schritt um Schritt, Wort für Wort, dass hinter jedem Satz des Helden der Evangelien ein Mensch und die Erfahrung eines Mannes stehen" (108). Seine mystische Gotteserfahrung hat Hammarskjöld dazu vorbereitet, sein Leben im Dienst für andere als Opfer einzusetzen. Dabei scheint er das eigene Single-Sein als wichtige Voraussetzung betrachtet zu haben. Dag notierte sogar ein Datum, was anzeigt, dass ihm diese Erkenntnis besonders wichtig war: "29.7.1958 Gabst du mir die unlösbare Einsamkeit, damit ich leichter dir alles geben kann?" (90). In der Hingabe des eigenen Lebens für andere, im Opfer, vermag die Einsamkeit fruchtbar zu werden: "Dieses Körpers Feuer brennt in Reinheit, hebt ihn in die Flamme der Selbsthingabe, vernichtet seinen geschlossenen Mikrokosmos. Einige sind erwählt, um dadurch an die Schwelle der endgültigen überwindung geführt zu werden, zum Schöpfungsakt des Opfers statt zu körperlicher Vereinigung – in einem Blitzschlag von der gleichen blendenden Kraft" (90). Dass die Mystik Dag Hammarskjölds keine Sache der Innerlichkeit blieb, macht sie heute so glaubwürdig. Während der Friedensmission im Kongo hat er seine mystischen Erfahrungen und Erkenntnisse mit der Hingabe seines Lebens besiegelt. Dass die aus der Gottesbegegnung folgende Berufung für ihn mit Opfer, ja mit dem Martyrium verbunden sein kann, kommt an vielen Stellen im Tagebuch zum Ausdruck. Bereits 1941/42 schreibt er im Tagebuch: "Es gibt nur einen Weg aus dem dunstigen, verfilzten Dschungel, in dem der Kampf um Ehre, Macht und Vorteil geführt wird – aus den dich umstrickenden Hindernissen, die du selbst geschaffen. Und dieser Weg heißt zum Tod ja sagen" (19). 1953, im Jahr seiner geistlichen Wende, hält Hammarskjöld fest: "Dass der Weg der Berufung auf dem Kreuz endet, weiß, wer sich seinem Schicksal unterstellt hat – auch wenn dieser Weg durch den Jubel von Genezareth führt und durch die Triumphpforte von Jerusalem" (54). Dabei ist sich Hammarskjöld bewusst, dass dieses Opfer nichts Heroisches ist. Der sich Opfernde gibt für Gott nur, was diesem sowieso gehört: "Was hat am Ende das Wort Opfer für einen Sinn? Oder auch nur das Wort Gabe? Wer nichts hat, kann nichts geben. Die Gabe ist Gottes – an Gott" (54). Schließlich entsteht zwischen Juli 1960 und Sommer 1961 – unmittelbar vor seinem Tod – ein Gedichtzyklus, in dem Hammarskjöld das Opfer als Ziel seiner Berufung thematisiert:

 

"Öffnen seh ich geblendet
das Tor zur Arena
und geh hinaus, um nackt
den Tod zu treffen ...

Die anderen sah ich.
Jetzt bin ich der Erwählte,
fest gespannt auf den Block,
Opfer zu werden" (108).

 

Eine Reihe von Rezensenten der "Zeichen am Weg" hat Hammarskjöld in diesem Zusammenhang der Blasphemie bezichtigt: Er sei der überzeugung gewesen, dass er wie Christus von Gott zum Opferlamm ausersehen worden sei, und dass er glaubte, er könne durch die Hinnahme dieses Loses ebenso wie Christus die Welt erlösen. Dieser Vorwurf geht an der Sache vorbei. Das Handeln Jesu und das menschliche Handeln werden für Hammarskjöld nie deckungsgleich. Kein Mensch kann in seinem Handeln die Bedeutung und die Vollständigkeit der Hingabe Jesu erreichen. Nach den biblischen Aussagen war in Jesus "keine Sünde", d.h. seine Liebe zu den Menschen war an keiner Stelle getrübt. Welcher Mensch könnte das von sich sagen? Hammarskjölds Bereitschaft zu restloser Hingabe und zum Opfer für andere verdient Respekt. "Unbedingte Selbstverleugnung als Lebensform" ist selten geworden. Gerade in Zeiten, wo selbst das an sich berechtigte Streben nach religiöser Selbstverwirklichung in Narzissmuss abzugleiten droht, stellt das Vorbild Dag Hammarskjölds eine notwendige Korrektur dar.

 

4. Spirituelle Impulse für heute

Die mystisch geprägte Spiritualität Dag Hammarskjölds war eine der großen geistlichen überraschungen des 20. Jahrhunderts. Ich sehe vor allem vier Impulse, die zu einer Bereicherung der Spiritualität heute beitragen können.

1. Heutige Spiritualität kann von Hammarskjöld ein Leben im Horizont Gottes lernen. Seine Mystik erinnert die Christenheit daran, dass im Zentrum des christlichen Glaubens die Begegnung mit Gott steht. Erst aus dieser Begegnung heraus gewinnen christliche Aktivitäten, auch das christlich motivierte sozialethische Engagement Kraft und Orientierung.

2. Spiritualität kann von Hammarskjöld Stille und Einsamkeit als Grunderfahrungen lernen. Kontemplation ist für ihn nicht nur Voraussetzung, sondern tragender Grund und beständige Kraftquelle auch seines politischen Handelns. Es gibt für ihn keine Emanzipation menschlichen Tuns von Gott. Die Kontemplation ist in sich wertvoll. Ein Leben aus der Stille bewahrt vor Kurzatmigkeit und verhindert, dass das Handeln zum Aktionismus verkommt.

3. Spiritualität kann von Hammarskjöld die Bejahung des Leidens lernen. Die moderne Leistungsgesellschaft hat das Sensorium für den Wert von Leiden verloren. Sie weiß nichts mehr von der Erkenntnis des englischen Literaturwissenschaftlers C. S. Lewis: "Gott flüstert in unseren Freuden, er spricht in unserem Gewissen; in unseren Schmerzen aber ruft er laut. Sie sind Sein Megafon, eine taube Welt aufzuwecken." Die meisten Menschen reagieren heute auf Leiden mit dem Wunsch nach schnellstmöglicher Beseitigung oder mit Verdrängung. Hammarskjölds Mystik kann zu einem gesünderen Umgang mit Leiden verhelfen. Leiden wird wertvoll, weil es den Menschen Jesus Christus gleichförmig macht.

4. Spiritualität kann bei Hammarskjöld die Bedeutung der Askese als Freisein für Gott entdecken. Ausgehend von der Liebe als Grundmotiv des Glaubens kommt es zu einer Neudefinition der Askese. Weil Hammarskjöld im Dienst für andere aus Liebe Entsagung übt, fehlt seiner Askese der muffige Beigeschmack.

 

Autor: Prof. Dr. Peter Zimmerling
Peter Zimmerling ist Professor für praktische Theologie an der evangelisch-theologischen Fakultät der Universität Leipzig und Vorsitzender der Gesellschaft für Freunde christlicher Mystik.

 

Fussnoten

Teile der folgenden überlegungen habe ich erstmals veröffentlicht in: Peter Zimmerling, "Die längste Reise ist die Reise nach innen." Zur Mystik Dag Hammarskjölds, in: Marco A. Sorace/Peter Zimmerling (Hg.), Das Schweigen Gottes in der Welt. Mystik im 20. Jahrhundert, Nordhausen 2007, 78–90; Peter Zimmerling, "Mit dir, Bruder, in Treue und Mut ..." Charakteristika des Christusverständnisses von Dag Hammarskjöld, in: Günter Thomas/Andreas Schüle (Hg.), Gegenwart des lebendigen Christus, FS für Michael Welker, Leipzig 2007, 407–423.
Manuel Fröhlich, Dag Hammarskjöld und die Vereinten Nationen. Die politische Ethik des UNO-Generalsekretärs, Paderborn u.a. 2002, 105ff.
Sven Stolpe, Dag Hammarskjölds geistlicher Weg, Frankfurt a.M. 1965, 14.
Dazu a.a.O., 13f.
Gerhard Simon, Dag Hammarskjöld (1905–1961), in: Pfarramtskalender 2005, hg. vom Verband der Vereine evangelischer Pfarrerinnen und Pfarrer in Deutschland e.V., 10.
Zit. nach Ruth und Karl-Heinz Röhlin, Dag Hammarskjöld. Mystiker und Politiker, Visionen für heute, München 22006, 10.
Radio-Interview "This I believe" von 1953, zit. nach Röhlin, Hammarskjöld, 11.
Vgl. hier und im Folgenden Fröhlich, Hammarsjköld, 148–170.
Henry P. van Dusen, Dag Hammarskjöld. The Statesman and His Faith, New York u.a. 1967, 96f.
Zit. nach Röhlin, Hammarskjöld, 10.
Karlmann Beyschlag, Dag Hammarskjöld – ein protestantischer Mystiker unserer Tage, in: Horst Reller/Manfred Seitz (Hg.). Herausforderung: Religiöse Erfahrung. Vom Verhältnis evangelischer Frömmigkeit zu Meditation und Mystik, Göttingen 1980, 37f.
Albert Schweitzer, Geschichte der Leben-Jesu-Forschung, Tübingen 61951, 426ff.
Belege bei Stolpe, Hammarskjölds geistlicher Weg, 99ff.
Vgl. dazu Beyschlag, Hammarskjöld, 44.



 


VERZEICHNIS DER SCHWEIGEMEDITATIONEN
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