Texte
TIERE ALS EBENBÜRTIGE KREATUREN
Tiere sind ebenbürtige Kreaturen - sie sind dem Menschen gleichwertige Geschöpfe. Gleichwertigkeit bedeutet, dass alle gleich behandelt werden, dort wo sie gleich sind. Jede Kreatur, die leben will, soll genauso leben dürfen wie eine beliebige andere, unabhängig von ihrer Spezies. Wir alle, Menschen und Tiere, oder, wie manchmal dargetan wird, "menschliche und nichtmenschliche Tiere", haben einen wesensimmanenten Drang zu leben und dies möglichst schmerz- und leidfrei. In Schweitzers Worten ausgedrückt: “Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will“.
Aber nicht nur ein Anspruch auf Leben und ein Dasein frei von willkürlichem, vermeidbarem Schmerz und Leiden stehtden nichtmenschlichen Tieren zu. Darüber hinaus ist auch die Würde des Tieres zu er- und anerkennen. Jedes Tier besitzt aufgrund seiner blossen Existenz einen zu schützenden Selbstwert, so dass man Kants Definition der Menschenwürde zu einer Definition der Würde des Tieres ausweiten kann, wonach das Tier als Zweck an sich nie nur Mittel zum Zweck sein darf.
Die in der Bundesverfassung statuierte Menschenwürde (Art. 7 BV) ist das ethische Grundprinzip und manifestiert sich in allen weiteren Menschenrechten. Sollten sich nicht aus der ebenfalls in der Bundesverfassung festgehaltenen Würde der Kreatur (Art. 120 Abs. 2 BV) ähnliche Grundrechte ableiten lassen? Das Recht auf Leben und persönliche Freiheit (Art. 10 BV) z.B. liesse sich doch genauso auf Tiere übertragen. Weshalb wird der Kreis der Grundrechtsträger auf die menschliche Spezies reduziert?
Aus diesem Blickwinkel ist es für mich natürlich unhaltbar, dass elementare tierliche Interessen, allen voran Leben, körperliche und seelische Integrität, vor menschlichen Interessen zurücktreten müssen. Stellt vielleicht nicht schon jede Nutzung der Tiere durch den Menschen bereits eine Verletzung der kreatürlichen Würde dar? Denn was nicht Mensch ist, wird zu dessen Zwecken gebraucht. So sprechen wir nicht etwa von Tieren, sondern von "Nutztieren", die nicht länger als eigenständige Lebewesen mit autonomem Willen, sondern als auf ihren Nutzen für menschliche Zwecke reduzierte, minderwertige Geschöpfe wahrgenommen werden. Tiere sind entweder geliebte Haus- und Kuscheltiere oder tauchen unter in einer anonymen Masse, die für uns lebt und stirbt, irgendwie, irgendwo. Damit werden sowohl die allen Lebewesen inhärente Autonomie als auch ihr Dasein zu einem Selbstzweck als auch ihr Eigenwert, kurz ihre Würde, missachtet.
Dabei sollten, wie es in einem Bericht der ständerätlichen Geschäftsprüfungskommission vom 5. November 1993 steht, Tiere weder als Mensch noch als Sache behandelt werden, “sondern gemäss ihrer Würde als Kreatur nach einem selbständigen Massstab ihrer eigenen Bedürfnisse. Dabei sind ihre Gefühle zu achten, ihr Leiden zu vermeiden und ihr Lebenswille zu achten“. Im menschlichen Alltag ist die Nutzung nichtmenschlicher Tiere jedoch so tief verankert, dass sich eine unüberbrückbare Divergenz zwischen ethischem Sollen und praktischem Tun aufdrängt. So scheint es, auch wenn aus ethischer Sicht den Tieren elementare Ansprüche wie auf Leben und physische und psychische Integrität zustehen, dass die praktische Realisation dieser Erkenntnis in der heutigen, stark wirtschaftlich orientierten Gesellschaft, die Tiertötungen in unzähligen Lebensbereichen wie Nahrung, Kleidung, Forschung und Unterhaltung nicht nur toleriert, sondern als Konsument sogar in Auftrag gibt, aussichtslos ist.
Das Recht reflektiert nur das momentane Gesellschaftsbewusstsein, und trotzdem fungiert es begrenzt als Schrittmacher. So wird die kreatürliche Würde seit ihrem Eingang in die Bundesverfassung 1992 in immer grösserem Ausmass konkret angewandt und entfaltet ihre Wirkung. Es ist ein steter Prozess, indem Ethik und menschliches Handeln sich kontinuierlich näher kommen und letzten Endes, so ist zu hoffen, eine harmonische Einheit bilden. Denn ein friedfertiges Zusammenleben ist nur dann möglich, wenn wir uns als Gesellschaft für ein ethisches Verhalten entscheiden, das jeden Hang zur Zerstörung ablehnt, sei dies gegen Menschen oder Tiere.
Saskia Stucki
Praktikantin bei der Stiftung für das Tier im Recht
Preisträgerin Schweizer Jugend (2005)
über “Welche Einstellung haben Jugendliche gegenüber Tierversuchen?”
Mehr: www.tierimrecht.org - Argumentarium und "Würde der Kreatur"